Zwei Jahre war Nadine Vetter als Mental Health Coachin an ihrer Kooperationsschule tätig. Zum 31.12.2025 wurde das Präventionsprogramm Mental Health Coaches eingestellt. An ihrem letzten Arbeitstag begleitete das ZDF-Morgenmagazin die ehemalige Fachkraft, die beim Jugendmigrationsdienst Ludwigshafen und Speyer angestellt war. Hier geht es zum Beitrag.
Mental Health Coaches
Das Präventionsprogramm JMD Mental Health Coaches bietet jungen Menschen Raum für Informationen, Erfahrungsaustausch und Diskussionen rund um das Thema psychische Gesundheit. In präventiven Gruppenangeboten haben Jugendliche die Möglichkeit, offen darüber zu sprechen, was sie beschäftigt. Sie erfahren, wie sie mit belastenden Situationen umgehen und ihre Resilienz stärken können. Dabei entscheiden die Schüler*innen selbst mit, welche Themenschwerpunkte gesetzt werden.
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MENTAL HEALTH COACHES IN ZAHLEN
Stand: 31. Dezember 2025
MENTAL HEALTH COACHES STANDORTE
Die Jugendmigrationsdienste und Träger der Jugendsozialarbeit setzen das Programm Mental Health Coaches an rund 80 Standorten und knapp 100 Schulen um. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) im Rahmen des Zukunftspakets für Bewegung, Kultur und Gesundheit.
PRÄVENTIONSARBEIT AN SCHULEN
Ein Großteil des Alltags junger Menschen spielt sich in der Schule ab. Daher ist Schule ein guter Ort gelingender Präventionsarbeit. Das JMD-Programm Mental Health Coaches richtet sich an Schüler*innen ab der 5. Klasse. Die Programmangebote entstehen in Zusammenarbeit mit Akteur*innen in der Schule und externen Partner*innen.
UNSERE ZIELE
- Junge Menschen werden ermutigt, sich aktiv mit dem Thema psychische Gesundheit auseinanderzusetzen.
- Die Jugendlichen erlernen Strategien für den Umgang mit belastenden Gefühlen und erfahren so, dass Reden ein erster Schritt zur Veränderung sein kann.
- Primärpräventive Angebote tragen zu einem offenen Umgang mit dem Thema psychische Gesundheit bei und wirken Stigmatisierung entgegen.
- Eine Vernetzung und Zusammenarbeit der Jugendmigrationsdienste mit Trägern der Präventionsarbeit aus dem Bereich mentale Gesundheit sowie mit Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe wird gefördert.
- Schüler*innen erfahren, welche Hilfs- und Beratungsangebote es gibt und wie sie diese in Anspruch nehmen können.
- In multiprofessionellen Teams werden Bedarfe der Jugendlichen im Bereich psychische Gesundheit ermittelt.
GRUPPENANGEBOTE FÜR JUGENDLICHE
Die Jugendlichen legen die Themen der Gruppenangebote eigenständig fest. Diese können zum Beispiel aus folgenden Bereichen stammen:
JUGENDMIGRATIONSDIENSTE
Rund 500 Jugendmigrationsdienste
bundesweit unterstützen junge Menschen mit Migrationshintergrund zwischen 12 und 27 Jahren durch Beratung sowie Bildungs- und Freizeitangebote. Einen Schwerpunkt bildet die langfristige, individuelle Begleitung Jugendlicher auf ihrem schulischen und beruflichen Weg. Ziel ist es, die soziale Teilhabe der jungen Menschen zu fördern und ihre Perspektiven zu verbessern.
FAQ
Sie haben Fragen? Wir haben Antworten!
Hier finden Sie weitere Informationen über das Modellvorhaben JMD Mental Health Coaches.
Sollten noch Fragen offen bleiben, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.
Das Bundesjugendministerium hat das Modellvorhaben im Rahmen des Zukunftspakets für Bewegung, Kultur und Gesundheit bis Ende des Jahres 2025 gefördert. Gemäß des Haushaltsbeschlusses zum Bundeshaushalt 2026 wurde das JMD-Programm Mental Health Coaches zum 31.12.2025 eingestellt.
Die gewonnenen Erkenntnisse bilden eine fundierte Grundlage für den Aufbau tragfähiger Strukturen. Zukünftige Vorhaben im Themenfeld mentale Gesundheit sollen von den Erfahrungen der Mental Heath Coaches profitieren. In welcher Form die Erkenntnisse aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden, wird aktuell erörtert.
Das Modellvorhaben entstand 2023, nachdem sichtbar wurde, dass die Folgen mehrerer sich überlappender Krisen (Corona-Pandemie, russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine, Inflation und Energiekrise, Klimakrise) psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen hervorgerufen hatten. Laut der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf im Herbst 2022 betraf dies mehr als 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Im Modellvorhaben wurde dies sichtbar und erfahrbar. Die Folgen sind nach wie vor spürbar und weitere Krisen kommen hinzu, wie etwa der Israel-Gaza-Krieg. Außerdem befinden sich die jungen Menschen ohnehin in einer herausfordernden Zeit der individuellen Persönlichkeitsentwicklung und Pubertät, in der es unter weiteren Einflüssen wie etwa Social Media den Bedarf nach persönlichem Austausch und Unterstützung gibt. Aus Sicht des Modellvorhabens sind Kinder und Jugendliche stetigen Krisen ausgesetzt und haben daher einen kontinuierlichen Bedarf an Unterstützung und Orientierung, um unter anderem ihre mentale Gesundheit zu stärken.
In unterschiedlichen methodischen Formaten (unter anderem in Workshops, Gesprächskreisen, kleinen Arbeitsgemeinschaften und kunst-, theater- oder erlebnispädagogischen Einheiten) luden die Mental Health Coaches die Schüler*innen zu gesundheitsfördernden Angeboten ein. In den Begegnungen wurde den Jugendlichen die Möglichkeit geboten, über Bedürfnisse, Gefühle und potenzielle Ängste zu sprechen. Ziel war es, die individuellen Ressourcen der Schüler*innen zu aktivieren, sodass sie Vertrauen darin entwickeln, Probleme und herausfordernde Alltagssituationen aus eigener Kraft meistern zu können. Beispielsweise erhielten die Jugendlichen konkrete Anregungen, mit dem erhöhten Stressaufkommen in der Schule aktiv umzugehen und erlernten Ansätze wie Achtsamkeitspraktiken, Atemübungen und Vertrauensübungen, die sie in ihrem Alltag auch außerhalb der Schule gut für sich nutzen konnten.
Die Mental Health Coaches arbeiteten mit Lehrkräften und der Schulsozialarbeit in multiprofessionellen Teams, um gemeinsam Schule so zu gestalten, dass über mentale Gesundheit gesprochen werden kann und psychische Probleme nicht stigmatisiert werden. Das Erkennen der Bedarfe erfolgte durch Teamgespräche mit den Akteur*innen der Schule und im Austausch mit den Schüler*innen. Die Bedarfe in Austausch mit Schüler*innen wurden in offenen Gesprächen, Fragebögen oder Hospitationen ermittelt. Auf Grundlage dieser festgestellten Bedarfe gestalteten die Fachkräfte niedrigschwellige Maßnahmen, mit denen sie auf die Belastungen und Sorgen der Kinder und Jugendlichen reagierten. Sie führten eigenständig Gruppenangebote durch oder arbeiteten mit externen Anbieter*innen aus der Jugendarbeit mit entsprechender Expertise zusammen. Diese präventiven Gruppenangebote hatten den Anspruch, Kindern und Jugendlichen nachhaltig Lebenskompetenzen zu vermitteln und Strukturen sichtbar zu machen, die ihnen Unterstützung und Hilfe geboten haben.
Als Modellvorhaben der Primärprävention richteten sich die Angebote der Mental Health Coaches an alle Schüler*innen der verschiedenen Schularten gleichermaßen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am sensiblen Thema mentale Gesundheit benötigte eine vertrauensvolle Grundlage. Manche Schüler*innen sprachen ihre Bedarfe sehr schnell an, andere Bedarfe wurden erst nach längerem Kontakt zu den Mental Health Coaches thematisiert. Dies erfolgte unabhängig von Schulform und Altersklasse. Durch individuelle Beratungen wurde mehr Sicherheit und Orientierung im Lebensalltag der ratsuchenden Schüler*innen gewährleistet. Kontinuität war hierbei ein wesentlicher Faktor, um insbesondere jungen Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf eine beständige Anlaufstelle bieten zu können. Ging dieser Bedarf über den primärpräventiven Ansatz hinaus, verwiesen die Fachkräfte auf vertiefende Hilfs- und Beratungsangebote. Dies erfolgte in enger Abstimmung mit den vorhandenen Unterstützungsstrukturen an der Schule und in der Region. Auch hierbei wurden die Schüler*innen im Prozess der Kontaktaufnahme durch die Mental Health Coaches begleitet.
Die Erfahrungen im Modellvorhaben zeigen deutlich: Kinder und Jugendliche sind grundsätzlich dankbar, einen geschützten Raum für Begegnung zu haben, in dem sie offen über Bedürfnisse, Gefühle und mögliche Ängste sprechen können und gehört werden. Weiterführende Angebote waren besonders dann populär, wenn sie den Bedarfen der Schüler*innen entsprachen und dies erfüllten die Gruppenangebote der Mental Health Coaches auf unterschiedliche Weise. Neben Workshops und Gesprächskreisen fanden sich die Jugendlichen auch in kleinen Arbeitsgemeinschaften zusammen oder nutzten Angebote mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen, wie etwa der Kunst-, Theater- oder Erlebnispädagogik.
Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am sensiblen Thema mentale Gesundheit benötigt eine vertrauensvolle Grundlage. Für die Schüler*innen war es daher ein Gewinn, eine neutrale Ansprechperson an ihrer Schule zu wissen, die losgelöst vom bisher bekannten Schulsystem für ihre Bedarfe verfügbar war und konkrete Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen konnte. Auch der durch die Mental Health Coaches initiierte und begleitete Austausch der Schüler*innen untereinander wurde von Kindern und Jugendlichen als sehr wertvoll wahrgenommen.
Einzelne Schüler*innen berichteten Folgendes:
- „Das ist das Einzige, was ich will: einfach nur mit anderen Reden darüber, wie es mir geht.“
Schüler*in aus Rhein-Sieg - „Ich fand es schön, dass wir durch die Übungen heute unsere Mitschüler*innen noch besser kennenlernen konnten. Nun fühle ich mich nicht mehr so alleine mit meinen Sorgen und Ängsten. Wir sitzen alle im gleichen Boot und möchten einen guten Schulabschluss erreichen.“
Schüler*in aus Limburg - „Ich konnte heute einige neue und positive Erfahrungen durch den Workshop sammeln. In Zukunft möchte ich mir wieder bewusst mehr Zeit für mich selbst nehmen, an der optimistischen Haltung arbeiten und meine eigenen Ziele und Träume nach der Schule verfolgen.“
Schüler*in aus Limburg - „Durch das Angebot konnte ich mir vor Augen führen, was mich in meinem Leben stärkt, und wer mich auch in schwierigen Zeiten unterstützt.“
Schüler*in aus Lahn
Die Schulen zeigen nach wie vor einen hohen Bedarf an Unterstützung für die Begleitung ihrer Schüler*innen im Themenfeld mentale Gesundheit auf. Sie waren daher dankbar für die fachliche Kompetenz der Mental Health Coaches und die gewonnene personelle Ressource in diesem Bereich.
Einzelne Lehrkräfte äußerten sich wie folgt dazu:
- „Die Anzahl der Schüler*innen, die in ihrem Verhalten auffällig sind, ist seit der Corona-Phase deutlich gestiegen. Sowohl Probleme mit Angstzuständen, Schwierigkeiten Freundschaften zu knüpfen und in soziale Interaktion zu treten haben stark zugenommen. Depressive Verstimmungen bei den Schüler*innen und ein hoher Anteil an Absentismus sind auch zu vermerken. Hier brauchen wir als Schule definitiv Unterstützung.“
Erfahrungsbericht einer Lehrkraft - „Es ist eine supergroße Unterstützung für mich gewesen. Wir haben sehr viele Schüler*innen, die mit einem Päckchen kommen, manche mit großen, manche mit kleinen. Wir sind im Alltag gar nicht in der Lage, allen gerecht zu werden. Es ist toll, eine offene Tür und eine kompetente Person zu haben, für mich selbst und für die Schüler*innen. Aber auch Eltern und Kolleg*innen haben Aufklärungsbedarf, welche außerschulischen Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. An dieser Stelle ist das Modellvorhaben sehr hilfreich. Zumal Lehrkräfte oft die ersten Ansprechpartner*innen der Schüler*innen sind und die Eltern erst im zweiten Schritt miteingebunden werden bzw. werden können.“
Erfahrungsbericht einer Lehrkraft - „Ich hätte nie gedacht, dass die Schülerin sich so entwickeln könnte. Vor dem Angebot nahm sie kaum am Unterricht teil und es stand sogar ihre Versetzung auf dem Spiel. Mittlerweile ist sie so selbstbewusst, dass sie sich regelmäßig mit Wortbeiträgen am Unterricht beteiligt und durch die Mitarbeit ihre Note verbessern konnte.“
Erfahrungsbericht einer Lehrkraft
Für die bundesweite Umsetzung des Modellvorhabens wurde seitens des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) – wie bereits bei anderen Modellvorhaben – auf die Strukturen und Netzwerke, Erfahrungen und Kenntnisse der Trägergruppen zurückgegriffen, an die die Jugendmigrationsdienste (JMD) angegliedert sind. Die Auswahl der JMD-Standorte und Schulen erfolgte durch eine abgleichende Prüfung innerhalb der Strukturen der Jugendmigrationsdienste sowie einer weiteren Prüfung über die Kultusministerien der Länder, und je nach Länderstruktur auch durch weiteren Einbezug der Schulministerien. Als Orientierungsgröße für die Anzahl der ausgewählten Schulen pro Bundesland diente die generelle Verteilung von Schüler*innen auf die jeweiligen Bundesländer.
Das Modellvorhaben zum Thema mentale Gesundheit ist in allen Altersgruppen und an allen Schulen von großer Bedeutung, egal ob beispielsweise in der 5. Klasse einer Real- und Förderschule, einer höheren Klassenstufe eines Gymnasiums oder an Berufsschulen. Daher war es von Beginn an wichtig, keine Schüler*innengruppen auszuschließen und möglichst alle Schulformen ab Sekundarstufe I zu berücksichtigen.
Das Modellvorhaben ist zum Schuljahr 2023/2024 mit mehr als 100 Schulen gestartet und zum 31.12.2025 beendet worden. Helfen Sie dabei, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema psychische Gesundheit junger Menschen zu lenken, indem Sie Ihr Interesse an die für Ihre Schule zuständige Behörde melden und auf den Bedarf zum Themenfeld aufmerksam machen.
Die Mental Health Coaches waren an verschiedenen JMD-Standorten beschäftigt. Diese Standorte hatten wiederum individuelle Kooperationen mit den Schulen vor Ort. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass Informationen über einzelne Schulen leider nicht veröffentlicht werden können.
Das Modellvorhaben wurde von August 2023 bis Dezember 2024 von der Universität Leipzig wissenschaftlich evaluiert. In einem mehrstufigen Verfahren konnten fundierte Erkenntnisse über die Etablierung des Programms, die Qualität der durchgeführten Maßnahmen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachkräfte und die wahrgenommene Relevanz der Mental Health Coaches gewonnen werden.
Die Ergebnisse der Evaluation zeigen eine erfolgreiche Etablierung des Modellvorhabens im Hinblick auf eine hohe Akzeptanz sowie einer positiven Bewertungen der Angebote. Ein Bedarf an präventiven Maßnahmen zur psychischen Gesundheit im Schulkontext wurde festgestellt, ebenso wie der Wunsch nach Fortsetzung und Erweiterung des Programms. Den vollständigen Evaluationsbericht finden Sie hier.